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Klauengesundheit Teil 1

Über das Leben in menschlicher Obhut

In menschlicher Obhut lebende Milchkühe genießen auf den ersten Blick verschiedene Vorteile: sie müssen sich nicht um ihr Futter sorgen, das regelmäßig zum immer gleichen Zeitpunkt verteilt wird, sie sind vor den Widrigkeiten des Wetters geschützt und im Krankheitsfall kümmern sich jene Menschen um sie, die sie halten oder rufen den Tierarzt oder natürlich auch die Tierärztin des Vertrauens. Diesen Vorteilen im Vergleich zur Natur stehen aber auch einige Herausforderungen gegenüber.

Schauen wir uns beispielsweise die natürliche Umgebung eines Rindes an, unterscheidet sich diese doch erheblich von jenen Bedingungen in einem Stall. Rinder leben eigentlich auf der Weide, also einem üblicherweise  weichen Untergrund. An diesen Umstand sind ihre Klauen perfekt angepasst. Gibt es für die Liegeflächen im Stall ein ganzes Repertoire an Materialien, um diese möglichst weich zu gestalten, sind die Gänge schlicht hart und rau. Das ist grundsätzlich nicht schlecht, Rutschfestigkeit ist in den Gängen der Ställe ein wichtiges Kriterium. Auch die Tiere wollen sich sicher fühlen, wenn sie sich bewegen. Alles andere erzeugt Stress. Leider kann eben jene Beschaffenheit des Bodes aber auch zu Fehlbelastungen bei den Tieren führen, die dann während der Klauenpflege korrigiert werden müssen. Das ist ein zentraler Punkt der sogenannten funktionellen Klauenpflege. Sind wir schon einen Schritt weiter bei den Klauenerkrankungen, werden diese als multifaktoriell beschrieben - es gibt hier also nicht die eine Ursache, die es zu beobachten, zu untersuchen und zu behandeln gilt, um Klauenerkrankungen präventiv zu vermeiden. Vielmehr haben wir es hier mit einer ganzen Reihe von potenziellen Ursachen zu tun, die im gemeinsamen Zusammenspiel zu Klauenerkrankungen führen oder diese zumindest begünstigen.

Die Tiergesundheit sollte wenig überraschend wichtiger Bestandteil des Herdenmanagements sein. Der Kuhkomfort leistet dazu einen großen Beitrag. Allerdings haben wir in der Tierhaltung auch immer das Dilemma der Wirtschaftlichkeit und an dieser Stelle kommen wir nicht umhin festzuhalten, dass wirtschaftliche Verluste durch Lahmheiten an vierter Stelle nach Euterentzündungen, Stoffwechselerkrankungen und Fruchtbarkeitsstörungen liegen. Wir werden die Zusammenhänge im weiteren Verlauf noch genauer beleuchten.

Wenn wir uns hier den Erkrankungen der Klauen bei Milchkühen widmen, ist das schon recht detailliert. Der große Begriff dafür ist Lahmheit. Eine Kuh ist einfach nicht mehr so schnell unterwegs mit einer schmerzhaften Entzündung im Fuß. Solche Tiere lassen sich über eine solide Tierbeobachtung gut erkennen. Wer erste Hinweise möglichst früh erkennen möchte, setzt auf Sensoren und Daten-Analysen - ein Feld, das unter Precision Livestock Farming zusammengefasst wird. Ist die Lahmheit schon eingetreten, entlasten die Tiere die schmerzenden Glieder, aber auch sonst wirken sie eher in sich gekehrt, lassen die Ohren hängen. Auch eingefallene Augen sind ein Hinweis, dass etwas nicht stimmt. Sollten die Klauen noch in Ordnung sein, stimmt definitv etwas anderes nicht.

Welche Ursachen haben Klauenerkrankungen?

Neben der grundsätzlichen Beschaffenheit des Bodens kommen auch dessen Verschmutzung, dessen Grad der Feuchtigkeit sowie der allgemeine Infektionsdruck als potenzielle Ursachen in Frage. Das Problem liegt in der Kombination: Kot fällt nicht immer so konsequent durch den Spaltenboden wie er das sollte. Auch das regelmäßige „Abziehen“ mit einem Schieber kann manchmal nicht regelmäßig genug passieren. Zusammen mit Urin oder Wasser kann sich dann eine komfortable Umgebung für Bakterien entwickeln, die zwar unerwünscht ist, erstmal aber noch kein Problem darstellt. Spannend wird es erst, wenn diese Bakterien dann auf beschädigte Klauen treffen und dort aufgrund von Läsionen und Verletzungen auch eindringen können. Dafür kann aber durchaus auch der Boden verantwortlich sein, der zu hart bzw. zu rau ist. Hier entstehen leicht Probleme, wenn durch den Boden und die Bewegung der Kühe mehr Horn abgetragen wird als der Körper der Kühe nachbilden kann.

Ebenso relevant ist aber auch die Fütterung als Ursache. Grundsätzlich steht an solcher Stelle immer der völlig richtige Hinweis, dass das Futter für die Kühe von hervorragender Qualität sein müsse, damit sie bei guter Gesundheit auch jene Milchleistung pro Laktation erreichen können, zu der sie genetisch in der Lage sind. Mykotoxine und fehlgegorene Silage können da schnell zu einem Problem werden. Ein sehr kleines Loch in der Folie kann schon ausreichen, um den anaeroben Gärprozess zu stoppen. Stattdessen breiten sich Schimmelpilze aus und die Silage hat keinerlei ernährungsphysiologischen Wert mehr. Eine schlechte, mindestens aber nicht optimale Rationsgestaltung führt ebenso zu Problemen des Stoffwechsels, die sich auch in der Klauen-Entwicklung widerspiegeln. Ist das neugebildete Horn von minderer Qualität, sind Schäden an den Klauen sehr wahrscheinlich. Gerade Hochleistungskühe stellen hier besonders hohe Ansprüche an die Rationsgestaltung.

Manch einer zählt auch die Klauenpflege an sich zu den Ursachen - was sicherlich stimmt, wenn sie unsachgemäß ausgeführt wird oder einfach nicht regelmäßig/zu selten regelmäßig stattfindet. Zu den häufigsten Fehlern in diesem Zusammenhang zählen Bluten durch Wegschneiden zu großer Teile, unpräzises und unsauberes Vorgehen sowie das Auftragen ätzender Salben auf offene Wunden.

Wie erkenne ich Klauenerkrankungen meiner Kühe?

Ausgehend von den genannten Ursachen lassen sich die Klauenerkrankungen in drei Kategorien einteilen. So wird bspw. die Klauenrehe durch eine falsche Rationsgestaltung (Fütterung) oder Endotoxine ausgelöst. Merkmale der Klauenrehe sind der Weiße Linie-Defekt, eine eitrig hohle Wand und eine doppelte Sohle. Die zweite Gruppe der Erkrankungen, die es zu erkennen gilt, sind einmal der Zwischenklauenwulst und Sohlengeschwüre. Letztere unterteilen sich nochmal in das sogenannte Rusterholz‘sche Sohlengeschwür sowie das Spitzensohlengeschwür und Steingalle, was eine Druckstelle bezeichnet. Die Erdbeerkrankheit gehört zusammen mit der Klauenfäule oder auch der Ballenhornfäule zu den bakteriellen Infektionen und damit zur dritten Gruppe der Klauenkrankheiten.

Das Erkennen der einzelnen Klauenerkrankungen ist das eine - für eine effektive Prävention ist aber auch eine etwas detailliertere Kenntnis über die Entstehung der Erkrankungen notwendig.

Klauenrehe

Beginnen wir mit der Klauenrehe. Wird diese an einer Kuh diagnostiziert, leidet diese bereits seit einiger Zeit unter einer Pansenazidose, Rohfasermangel oder einer Mastitis. Und natürlich spielt hier auch die Härte des Bodens mit rein. Lange Standzeiten geben den Klauen dann den Rest. Sind diese Grundsteine gelegt, beginnt es mit einer Störung der Blutversorgung, gefolgt von der Loslösung zwischen Lederhaut und Hornkapsel. Ein weiteres Problem ist die Qualität des neu gebildeten Horns. Sie ist minderwertig. Währenddessen sinkt das Klauenbein ab, es entsteht Druck auf der Klauensohle und mündet in einem Durchbruch.

Sohlengeschwüre

Das Rusterholz‘sche Sohlengeschwür genießt wohl den größten Bekanntheitsgrad - allerdings weniger aufgrund seines ungewöhnlichen Namens, sondern weil es sich dabei um eine sehr verbreitete Erkrankung im Laufstall handelt. Hinter dem sperrigen Namen verbirgt sich eine Entzündung der Lederhaut. Fehlbelastungen auf hartem Boden führen dort zu Quetschungen und Blutungen.

Zwischenzehenphlegmone

Dabei handelt es sich um eine akute infektiöse Entzündung des Unterhautgewebes. Verursacht wird diese Erkrankung durch Verletzungen der Haut im Zwischenklauenbereich. Natürlich, eine Verletzung allein macht noch keine Entzündung, aber die nötigen Bakterien warten geduldig und zahlreich auf dem Boden.

Mortellaro‘sche Krankheit

Diese Krankheit ist mit rundlichen, oberflächlichen Hautentzündungen im Zwischenballenbereich dokumentiert. Viel mehr ist leider nicht bekannt. Es wird vermutet, dass die Haut durch Kot und Urin geschädigt wird. Und auch hier gilt: wenn die Tür einmal offen ist, kommen die Gäste in Form von Bakterien.

Fazit

Anhand der vier Beispiele ist gut zu erkennen, wie wichtig trockene und weitesgehend saubere Böden in der Prävention sind. Verletzungen können passieren und sind auch unangenehm, richtig Schwung in die Sache bringen aber jeweils immer erst die Bakterien.

Prävention: Was kann ich für die Klauengesundheit meiner Kühe tun - oder andersherum: wie lassen sich Erkrankungen der Klauen vermeiden? Um diese Frage wird es im zweiten Teil gehen. Außerdem wird der Begriff Kuhkomfort erläutert.

Haben Sie Fragen oder suchen einen professionellen Klauenpfleger, wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren zuständigen Maschinenring.


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